Oberösterreich: Pressekonferenz mit Landesrat

Versteckte Gefahr: Alkohol in Lebensmitteln

Immer wieder tauchen in den Medien – oft an eher unbeachteter Stelle – Berichte über versteckten Alkohol in Lebensmitteln auf. Meist rechtfertigen sich die betroffenen Lebensmittelhersteller damit, dass der Alkohol, der ohnehin in geringsten Mengen beigefügt würde, für die längere Haltbarkeit des Lebensmittels notwendig sei. Oftmals findet sich auf den Verpackungen der selben Produkte noch der Hinweis "frei von Konservierungsstoffen". Um diesem – scheinbaren – Widerspruch auf den Grund zu gehen, hat Oberösterreichs Landesrat für Konsument/innenschutz Rudi Anschober eine umfangreiche Untersuchung in Auftrag gegeben.

Der Auftrag war einerseits, die "rechtliche Komponente" von Alkohol als Konservierungsmittel herauszuarbeiten, andererseits eine repräsentative Menge an "verdächtigen" Produkten auf ihren Alkoholgehalt zu überprüfen.

Da diese Untersuchung teilweise signifikante Ergebnisse brachten, hat sich MR Prim. Dr. Felix Fischer, Leiter der Abteilung Psychiatrie 5/Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen der Nervenklinik Linz bereit erklärt, aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung mit der Behandlung von Alkoholkranken die Risiken von verstecktem Alkohol in Lebensmitteln zu beleuchten.


Rechtlicher Aspekt


Alkohol als Zutat
Anders als bei Zusatzstoffen sieht das Lebensmittelrecht bei Zutaten keine Höchstmengen vor. Zutaten müssen allerdings auf Lebensmittelverpackungen gekennzeichnet werden. Zusatzstoffe – erkennbar an den E-Nummern – werden Lebensmitteln aus technologischen Gründen zugesetzt.
Alkohol gilt im Lebensmittelrecht nicht als Zusatzstoff (er wird daher auch nicht mit einer E-Nummer gekennzeichnet), sondern als Zutat.
Der Alkoholgehalt muss nur bei Getränken angegeben werden, wenn er 1,2 Vol % erreicht oder übersteigt. Bei festen Lebensmitteln sind derartige Grenzwerte nicht vorgesehen.
 

Erscheinungsformen von Alkohol:


Obwohl nach der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung die Verpflichtung besteht, Alkohol auf der Verpackung zu kennzeichnen, ist er oftmals schwer zu identifizieren. Alkohol wird unter folgenden Bezeichnungen angeführt:

  • Ethylalkohol
  • Ethanol
  • Weingeist
  • Spiritus
  • Glycerin
  • als chemische Formel
  • Rosenwasser
  • U.a.


Besonders schwierig wird die Identifizierung, wenn sich die Zutatenliste besonders klein gedruckt unter einem Falz oder an einer Abrissstelle versteckt.

Zusammenfassend lässt sich die geltende Rechtslage so darstellen, dass Alkohol jeder Art von Lebensmitteln in unbeschränkter Menge beigemengt werden darf, solange er auf der Zutatenliste ersichtlich ist.

Ausgenommen von der Kennzeichnungspflicht sind aber unverpackte Lebensmittel. Das heißt, Backwaren, die direkt in Bäckereien oder Konditoreien gekauft werden, Lebensmittel in Restaurants und Kantinen, Produkte, die auf Märkten angeboten werden, unterliegen nicht der Kennzeichnungspflicht.
 

Umfassende behördliche Untersuchung von "verdächtigen" Lebensmitteln

Aufgrund dieser schwierigen Rechtslage und der Gefahren, die versteckter Alkohol birgt, hat LR Anschober die OÖ. Lebensmittelaufsicht beauftragt, einschlägig bekannte Lebensmittel auf deren tatsächlichen Alkoholgehalt zu untersuchen. Die AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH) hat die Proben untersucht und die Ergebnisse kürzlich zur Verfügung gestellt.

Aufgrund der dargestellten geltenden Rechtslage sind die untersuchten Proben – ausgenommen einige Kennzeichnungsmängel – allesamt nicht zu beanstanden, obwohl der Alkoholgehalt in einigen Produkten alarmierend hoch ist.
Untersucht wurden vorrangig Backwaren und Produkte, die vorwiegend von Kindern konsumiert werden.

Ausreißer bei den Backwaren (13 Produkte wurden getestet) war ein Hamburger-Brot mit einem Alkoholgehalt von 25,6 g/kg, gefolgt von Sandwich- und Hot-Dog-Brot mit über 10 g/kg. Auch bei den restlichen Proben, die sich v.a. aus verpackten Kuchen und Süßgebäck zusammensetzten, wurden Ergebnisse von 2,2 – 6,2 g/kg gemessen.

Ähnlich stellen sich die Ergebnisse bei den Kindersnacks dar, auch hier wurden Spitzenwerte von 12 g/kg festgestellt, zusätzlich wurde bei diesen Produkten teilweise festgestellt, dass der Alkohol nicht in der Zutatenliste aufgeführt wurde.

Besonders bedenklich erscheint das Ergebnis, dass bei Croissants, Biskuitkuchen und ähnlichen Produkten, die von Kindern gerne als Nascherei zwischendurch gegessen werden, ein Alkoholgehalt zwischen 6 und beinahe 8 g/kg gemessen wurde.
Von 19 untersuchten Kindersnacks waren lediglich zwei gänzlich frei von Alkohol.

An dieser Stelle muss leider darauf hingewiesen werden, dass die Namen der Produkte aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden dürfen.

Nähere Infos zum Thema finden Sie auf der Homepage der Gemeinschaft entwöhnter Alkoholiker unter:
http://www.geaclub.at/


Gesundheitliche Bedeutung:

MR Prim. Dr. Felix Fischer, Leiter der Abteilung Psychiatrie 5/Schwerpunkt Abhängigkeitserkrankungen der Nervenklinik Linz bewertet diese Ergebnisse aus seiner Sicht als Mediziner und Wissenschaftler, der sich seit Jahren mit der Behandlung von Alkoholkranken befasst.

Versteckter Alkohol in Lebensmitteln kann einerseits bei Alkoholkranken wieder das Verlangen nach Alkohol auslösen, andererseits ist das ständige "Mitnaschen" von Alkohol bei Kindern ein Wegbereiter für spätere Probleme mit dem Umgang von Alkohol, da das Gehirn frühzeitig mit Alkohol konfrontiert wird.

Unter diesen Gesichtspunkten sind die erwähnten Ergebnisse äußerst problematisch.
Entwöhnte Alkoholkranke dürfen nicht die geringste Menge Alkohol konsumieren, da sie dadurch bereits Gefahr laufen, rückfällig zu werden. Die Alkoholsucht, die durch die Abstinenz nur "ruhend gestellt" wird, kann jederzeit durch den Konsum von Alkohol wieder ausbrechen. Umso wichtiger ist es für die Patient/innen, ihnen bewusst zu machen, dass Alkohol in vielen Lebensmitteln enthalten ist, die auf den ersten Blick als harmlos gelten. Dabei kommt es nicht primär auf die Alkoholmenge an, selbst der Geschmack von alkoholischer Getränke ist für Alkoholkranke eine Gefahr.

Ähnlich problematisch ist der versteckte Alkohol für Kinder. Vor allem in Lebensmitteln, die süße Crèmes enthalten, ist oft ein beträchtlicher Alkoholgehalt feststellbar. Diese Mengen lösen keine unmittelbaren Folgen aus, auf Dauer gewöhnen sich Kinder allerdings an Geschmack und Geruch und greifen dadurch später leichter zu "echtem" Alkohol. Besonders häufig kommt Alkohol in Torten, Kuchen und weichen Backwaren vor. Aber auch Krapfen, Speiseeis und Fertigteige sind häufig mit Alkohol versetzt.


Politische Forderung:


Aufgrund dieser Ergebnisse ist es höchste Zeit, den "versteckten" Alkohol in Lebensmittel sichtbar zu machen. Da nach geltender Rechtslage Alkohol kein Zusatzstoff ist, der mit einer Höchstmenge beschränkt werden könnte, muss zumindest auf jedem Produkt, das Alkohol enthält, ein entsprechender Warnhinweis angebracht werden. Dieser Hinweis muss in einer Schriftgröße gedruckt werden, sodass er leicht lesbar ist. Außerdem muss er an einer Stelle der Verpackung aufgedruckt werden, die gut sichtbar ist. Zusätzlich müssen die Rechtsvorschriften so geändert werden, dass eine unbewusste Gefährdung von Kindern und Alkoholkranken durch den Konsum von Lebensmitteln ausgeschlossen werden kann!

Die Zutatenliste, in der Alkohol oft unter verschiedensten Bezeichnungen in Mini-Schrift und an möglichst schlecht sichtbaren Stellen angeführt wird, reicht für eine effektive Suchtprävention nicht aus!

Landesrat für Konsument/innenschutz Rudi Anschober hat bereits im November Gesundheitsminister Alois Stöger in einem Schreiben aufgefordert, diese Präventivmaßnahmen umzusetzen. Da diesbezüglich bislang keine Aktivitäten bekannt wurden, wird LR Anschober dieses Problem bei der Tagung der Landesrät/innen für Konsument/innenschutz der Bundesländer thematisieren, um eine bundesländerübergreifende Initiative zu starten und hat heute dem Minister die Ergebnisse übermittelt, mit dem dringenden Appell, Warnhinweise vorzuschreiben.
(Quelle: Informationen zur Pressekonferenz am 07.03.2011  "Versteckte Gefahr: Alkohol in Lebensmitteln" mit Landesrat Rudi Anschober)