Konsum zu hoch, zu riskant, zu folgenreich

Jahrbuch Sucht 2011: Suchtmittelkonsum nach wie vor auf dramatisch hohem Niveau! – Mit kleinen Ausnahmen.

Alkoholkonsum, der Konsum von Medikamenten mit Suchtpotenzial und illegale Drogen sind in Deutschland dramatisch  etabliert. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V., der Zusammenschluss, der in der Suchtprävention und Suchthilfe bundesweit tätigen Verbände, stellte am 26. April ihr Jahrbuch SUCHT 2011 vor.

„Dies ist die eine gute Nachricht in einer dramatischen Situation: Der Tabakkonsum sinkt in Deutschland. Der Alkoholverbrauch bleibt  entschieden zu hoch, zu riskant, zu folgenreich.“ Dr. Raphael Gaßmann, der  Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm, stellt klar: „Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Medien und die Politik für jedes Suchtmittel eigene Regeln schaffen, je nach Lobbypartnern und Wahlterminen – und dies von einer Konsumgesellschaft gern aufgegriffen wird. Bei Tabak ist allen Konsumenten unmissverständlich klar, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist. Aber das gilt für alle Rausch- und Nervengifte: Alkohol, psychotrope Medikamente und illegale Drogen.“

Alkohol
Erfreulich ist Rückgang des Alkoholkonsums in Deutschland. Im Jahr 2009 wurde mit 9,7 Liter reinen Alkohols 2,0Prozent weniger getrunken als im Jahr zuvor (2008: 9,9 Liter reiner Alkohol). Für viele vermeidbare Gesundheitsschäden und sozialen Folgen infolge des Alkoholkonsums ist dieser geringfügige Rückgang, seit 2005 nur um 0,3 Liter, entschieden zu gering.
 
Im internationalen Vergleich der WHO (2005) steht Deutschland mit einem Alkoholkonsum der über 15-Jährigen von 11,8 Litern registrierten plus 1 Liter nicht registrierten reinen Alkohols nach Tschechien, Estland, Irland, Frankreich, Österreich, Portugal, Ungarn, Slowenien, Litauen und Luxemburg an elfter Stelle. (2003: fünfter Platz mit 12,0 plus 1,0 Liter reinen Alkohols)
 
Von 2000 zu 2009 ergibt sich prozentual eine Steigerung der Alkoholvergiftungen in allen Altersgruppen von 111,91 Prozent, während die Steigerung von 2008 zu 2009 mit 4,79 Prozent angegeben wird. Die Steigerungszahlen (2000 zu 2009) werden insbesondere für die 10- bis 20-Jährigen (177,78 Prozent) und 20- bis 25-Jährigen (194,40 Prozent) dargestellt. Aber auch die 45- bis 50-Jährigen (133,39 Prozent), die 50- bis 55-Jährigen (184,47 Prozent) sowie die über 65-Jährigen mit über 180,72 Prozent weisen vergleichbare oder höhere Steigerungen auf.
 
Mit 333.800 Behandlungsfällen ist die psychische oder verhaltensbezogene Störung durch Alkohol die dritthäufigste Einzeldiagnose aller Hauptdiagnosen der Krankenhausstatistik des Jahres 2008.
 
Seit Jahren muss von jährlich über 73.000 Todesfällen ausgegangen werden, die auf alkoholbezogene Gesundheitsstörungen zurückzuführen sind. Gut ein Fünftel aller Todesfälle zwischen 35 und 65 Jahren sind alkoholbedingte Todesfälle, allein bei den Männern dieser Altersgruppe ein Viertel aller Todesfälle.
 
Für das Jahr 2007 wurden volkswirtschaftliche Kosten infolge alkoholbezogener Krankheiten in Höhe von 26,7 Mrd. Euro ermittelt, verglichen mit 24,4 Mrd. für das Jahr 2002. Demgegenüber stehen die Einnahmen des Staates aus alkoholbezogenen Steuern, die 2009 um 0,6 Prozent auf 3,305 Milliarden Euro gesunken sind. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit seinen Steuersätzen bis auf Schaumwein und Zwischenerzeugnisse eher im europäischen Unterfeld: Je Liter reinen Alkohols werden für Branntwein/Spirituosen 13,03 Euro verlangt, für 1 Liter Schaumwein 13,60 Euro, für Bier 1,97 Euro und für Wein wird keine alkoholbezogene Steuer erhoben.
 
2009 wurden 471 Mio. Euro für die Alkoholwerbung in TV, Rundfunk, Plakate und Presse ausgegeben, ungeachtet der Ausgaben für Sponsoring und  Werbung im Internet. Experten schätzen die Ausgaben außerhalb der klassischen Werbegattungen zusätzlich auf über 600 Mio. Euro jährlich. Macht 1,1 Mrd. Euro für Alkoholwerbung.
 
In Deutschland konsumieren insgesamt 9,5 Mio. Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Weise, wenn sie mehr als 12 g (Frauen) bzw. 24 g (Männer) täglich konsumieren. Von den 9,5 Mio. Menschen konsumieren  2,0 Mio. missbräuchlich und 1,3 Mio. abhängig Alkohol. 
 
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen stellt fest
Die nur geringfügigen Reduzierungen im Bereich legaler Suchtmittel bestätigen die Forderungen der DHS nach Angebotsreduzierung, Preiserhöhung und Werbeeinschränkung der verschiedenen abhängig machenden Substanzen. Verhaltens- und Verhältnisprävention müssen flächendeckend und kontinuierlich eingesetzt werden, damit Deutschland endlich die internationalen Spitzenplätze im gesundheitsschädlichen Konsum verlässt.

(Quelle: Pressemitteilung der DHS, zur Veröffentlichung des Jahrbuchs Sucht 2011 -  gekürzt auf den alkoholrelevanten Teil)