Trend bei den psychischen Erkrankungen alarmierend

DAK warnt vor bedenklichen Gesundheitstrends bei jungen Arbeitnehmern

Der Krankenstand stieg auch im Wirtschaftsaufschwung 2010 nicht an. Er lag bei 3,4 Prozent wie ein Jahr zuvor in der Rezession. Die alte Faustformel, dass der Krankenstand steigt, wenn es der Wirtschaft gut geht und in Krisenzeiten wieder sinkt, ist heute nicht mehr haltbar. „Seit mehr als zehn Jahren liegt der Krankenstand auf einem niedrigen Niveau. Dies zeigt eine hohe Leistungsbereitschaft und Motivation der Arbeitnehmer, die nicht von Konjunkturzyklen abhängig ist“, kommentiert DAK-Chef Herbert Rebscher die Entwicklung.

Da der Krankenstand seit Jahren auf niedrigem Niveau liegt, ist der gegenläufige Trend bei den psychischen Erkrankungen umso alarmierender: Sie stiegen seit 1998 kontinuierlich und legten 2010 so stark zu wie noch nie. So gab es allein im letzten Jahr 13,5 Prozent mehr Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen. Damit machen Depressionen & Co heute ein Achtel des gesamten Krankenstandes aus und spielen eine fast doppelt so große Rolle wie noch 1998.

Neben den psychischen Erkrankungen sind auch Verletzungen gestiegen. „Dies liegt daran, dass der Eispanzer auf vielen Gehwegen zu Beginn des Jahres 2010 zu mehr Unfällen führte“, so Rebscher. Deutlich zurück gegangen sind Atemwegserkrankungen. 2010 war kein Grippejahr. Es gab rund 16 Prozent weniger Fehltage durch Erkältungen und Schnupfen als ein Jahr zuvor.

Ein DAK-Versicherter war 2010 durchschnittlich 12,5 Kalendertage krankgeschrieben. Mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Versicherten (53,7 Prozent) meldete sich 2010 gar nicht krank.

Für den Gesundheitsreport hat die DAK die Krankschreibungen von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten mit Hilfe des IGES Instituts aus Berlin ausgewertet.

Schwerpunktanalyse: Junge Erwerbstätige im Fokus
In den Mittelpunkt des Reports stellte die DAK die Gesundheit junger Arbeitnehmer bis zum Alter von 29 Jahren. Deshalb führte sie zusätzlich eine repräsentative Befragung bei rund 3000 jungen Erwerbstätigen durch.

Der Gesundheitsreport zeigt ein unerwartetes Ergebnis: Rund 60 Prozent der befragten jungen Arbeitnehmer haben das Gefühl, mehr leisten zu können als im Job verlangt wird. Umgekehrt geben nur 6,1 Prozent an, dass ihre Tätigkeit zu schwierig ist. „Die jungen Menschen wollen ihr Potenzial ausschöpfen. In der Arbeitsorganisation und im betrieblichen Gesundheitsmanagement sollte der Fokus nicht nur auf Überforderung und Burn-Out gerichtet sein, sondern auch darauf, wie sich Unterforderung auswirkt“, so Rebscher. Nicht nur Überforderung, sondern auch langanhaltende Unterforderung kann Stress erzeugen.

Der Krankenstand junger Arbeitnehmer liegt unter dem Durchschnitt. Sie schätzen sich selbst überwiegend als gesund ein. Der Report deckt jedoch auffällige gesundheitsrelevante Trends bei jungen Arbeitnehmern auf, die frühzeitiges Handeln erfordern, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Psychische Erkrankungen betreffen zunehmend auch Jüngere
Psychische Erkrankungen steigen kontinuierlich. Davon sind auch Jüngere betroffen. Hier ist die häufigste Diagnose bei 15- bis 29-Jährigen die sogenannte „Somatoforme Störung“. Schon jeder zehnte junge Erwerbstätige leidet daran. Kennzeichnend für dieses Krankheitsbild ist, dass für körperliche Symptome wie beispielsweise Schmerzen oder Herzbeschwerden keine organische Ursache gefunden wird. Häufig sind diese Störungen von Depressionen begleitet. Bereits bei knapp sieben Prozent wurde mindestens einmal diese Diagnose gestellt.

Junge Menschen leiden häufig auch unter Anpassungsstörungen. Damit sind Reaktionen auf schwere Belastungen (bedeutsame und kritische Lebensveränderungen) gemeint. Knapp sechs Prozent aller 15- bis 29-Jährigen waren davon betroffen.

Alarmierend: Rauschtrinken hat hohe Akzeptanz
Für jeden vierten jungen Arbeitnehmer gehört Alkohol dazu, um beim Ausgehen Spaß und Vergnügen zu haben. Mit 33 Prozent meinen dies deutlich mehr junge Männer als Frauen (19 Prozent). Jeder fünfte Befragte sieht die berufliche Leistungsfähigkeit auch dann nicht beeinträchtigt, wenn man sich am Vorabend betrinkt. Beim unkontrollierten Konsum von Alkohol auf Partys („Rauschtrinken“) ergibt sich folgendes Bild: Jeder dritte junge Erwerbstätige nimmt mindestens einmal im Monat fünf oder mehr alkoholische Getränke in zwei bis drei Stunden zu sich. Immerhin knapp 27 Prozent trinken sich bis zu dreimal monatlich in den Rausch, 7,2 Prozent sogar wöchentlich. „Alkohol steht bei Suchtmitteln an erster Stelle“, betont Rebscher. „Die zielgerichtete Prävention bleibt ganz oben auf der Tagesordnung und ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft“. Die Ergebnisse der DAK werden durch eine andere kürzlich veröffentlichte Untersuchung bestätigt.

Berufseintritt treibt Arztkontakte hoch
Junge Erwerbstätige suchen deutlich häufiger einen Arzt auf als ihre Alterskollegen, die noch nicht berufstätig sind. Während junge Arbeitnehmer durchschnittlich knapp achtmal mal pro Jahr zum Arzt gingen, suchten ihre Altersgenossen aus der nichtberufstätigen Vergleichsgruppe nur gut viermal den Arzt auf.

Für den fast doppelt so häufigen Arztkontakt gibt es zwei Erklärungen: Jüngere Erwerbstätige gehen öfter zum Arzt, um Fehlzeiten gegenüber dem Arbeitgeber durch eine ärztliche Krankschreibung zu legitimieren. Nicht-Erwerbstätige warten zunächst ab, wie sich die Beschwerden entwickeln. „Es stellt sich die Frage, ob viele Arztbesuche vermeidbar wären. Eine ärztliche Krankschreibung ist nicht immer sofort, sondern in der Regel erst nach dem dritten Tag erforderlich“, gibt DAK-Chef Rebscher zu Bedenken.

Die zweite Erklärung liegt darin, dass sich mit dem Berufsstart deutliche Veränderungen im Alltag ergeben. Dies führt dazu, dass junge Arbeitnehmer zunächst anfälliger für Krankheiten werden. Besonders viele Krankschreibungen fallen bei den jüngsten Arbeitnehmern zwischen 15 und 19 Jahren auf. In dieser Altersgruppe kam es 2010 zu 204 Krankmeldungen pro 100 junge Versicherte. Im Gesamtschnitt aller Erwerbstätigen waren es nur 111 Krankschreibungen.

Krankheiten junger Arbeitnehmer: Schon jeder Fünfte wegen Rückenschmerzen in Behandlung
Obwohl die jungen Arbeitnehmer häufiger zum Arzt gehen, liegt der Krankenstand bei den 15- bis 29-Jährigen nur bei 2,6 Prozent. Er bleibt damit deutlich unter dem Durchschnitt aller Berufstätigen mit 3,4 Prozent. Jüngere werden in der Regel zwar häufiger, allerdings meist nur wenige Tage krank. Kurzzeitige Erkrankungen wie beispielsweise Infektionen, akut auftretende Erkältungen und Verdauungsbeschwerden stehen im Vordergrund. Knapp jeder Dritte erkrankte an einer akuten Infektion der oberen Atemwege.

Alarmierend ist, dass der Arzt schon bei jedem fünften jungen Erwerbstätigen Rückenschmerzen behandeln musste. Ein noch kritischeres Bild zeigt die repräsentative Befragung: Hier gibt sogar jeder Zweite an, oft von Muskelverspannungen im Rückenbereich betroffen zu sein. Weitere ärztliche Diagnosen bei Jüngeren sind Schleimhautentzündungen des Magen-Darm-Traktes (17 Prozent), Bauch- und Beckenschmerzen (knapp 14 Prozent), Heuschnupfen (zwölf Prozent), Kopfschmerzen (acht Prozent) und Migräne (sechs Prozent).

Bezeichnend für den Gesundheitszustand junger Erwerbstätiger ist, dass bereits Fettsucht und Bluthochdruck (jeweils knapp sechs Prozent) zu den 40 häufigsten ärztlich behandelten Krankheiten gehören.

Diese Ergebnisse zeigen, dass sich schon bei jungen Erwachsenen ernste und in der Behandlung teure Zivilisationskrankheiten entwickeln. „Hier lassen sich Warnsignale für spätere chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Arteriosklerose erkennen“, kommentiert Rebscher die Zahlen. „Dies unterstreicht, wie wichtig frühzeitige Prävention ist“.

Weniger Stress im Wunschberuf
Die Inhalte der Arbeit beeinflussen besonders stark, wie zufrieden junge Erwerbstätige im Job sind. So sind immerhin 19 Prozent der jungen Erwerbstätigen, die nicht ihren Wunschberuf ausüben, mit ihrer Arbeit unzufrieden. Im Wunschberuf sind es lediglich drei Prozent.

Insgesamt empfindet jeder fünfte junge Erwerbstätige seinen Arbeitsalltag als sehr belastend und stressig. Die Hälfte fühlt sich etwas belastet. Knapp 30 Prozent bewerten ihre Arbeit als „eher locker“. Die Stressbelastung wird umso niedriger eingeschätzt, je mehr jemand in seinem Wunschberuf arbeitet.

„Das belegt, wie wichtig die Berufswahl und ein gelungener Einstieg ins Erwerbsleben ist“, kommentiert Rebscher die Ergebnisse. „Die Identifikation mit der Arbeit und dem Unternehmen ist ein Garant für hohe Leistungsbereitschaft“.
(Quelle: DAK)